Die Chroniken des Mariusz Ferenczy

Mariusz
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Re: Die Chroniken des Mariusz Ferenczy

Beitrag von Mariusz » So 14. Aug 2011, 03:19

Kerker, die Dritte (11)

Mit knapper Not war Sergio den Händen des Ritters entglitten, welcher inzwischen völlig besessen unserem Vater zu jagen begehrte. Das Volk schien gewarnt und munkelte von einem Bösen und dessen Gefolge ohne zu wissen, was darunter zu verstehen ward. Vorsicht ward geboten, und allein da meine Tarnung unangetastet war, wägte ich mich in völliger Sicherheit. So spazierte ich eines Abends, mit Umsicht dem Ritter nicht vor die Füße zu laufen über die hölzerne Brücke in Richtung der Stadt. Da wurd ich einem Lichte im Badehaus gewahr, welches durch des Ritter’s Anordnung noch nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung stand, und diesem Umstand war es zu verdanken, dass ich ging die Sache zu prüfen.

Leise trat ich ins Badehaus ein, die Sinne geschärft um dem Unbekannten zu begegnen. Meine Augen jedoch fielen bald auf die vertraute Gestalt einer Dame, die ich meist nur Zita rief, welche sich in Begleitung einer jungen Frau befand, die mir seltsam bekannt erschien. Ich grüßte beide freundlich mit feinsten Manieren, und eröffnete unbekümmert ein Gespräch mit Zita. Doch bemerkte ich schnell den starrenden Blick der jungen Frau, den jene nicht von mir zu lösen im Stande war. Ich hob fragend meine Brauen, und schon verzerrte sich ihr Gesicht zu einer angsterfüllten Grimasse, als sähe sie einen Geist. Ich sah zu Zita und hörte in jenem Moment die Worte der jungen Magd, die meinte mich totgesehen zu haben und versicherte stotternd das Tote nicht auferstehen, so wie ich es hier tat. Ich war wie vom Blitz getroffen, denn ich erkannte nun in ihr die junge Magd die gefangen saß in einer der Zellen im Kerker des dunklen Schlosses und vor deren Zellentür nur wenige Schritte entfernt Samara mich angefallen hatte auf wildeste Art, die der Kleinen wohl einen gehörigen Schrecken versetzte.

Ich versuchte die junge Katy zu beruhigen und ihr zu erklären, dass ich tot nie war. Doch alle Erklärungen blieben umsonst, die Kleine ließ sich nicht abbringen davon mich totgesehen zu haben, was zum Zeitpunkt ihrer Geschichte kurioser weise nicht zutraf. Der Kleinen zu entgehen, empfahl ich mich mit einem Gruße zu Zita und verließ verärgert das Badehaus. Solch eine Aussage war gefährlich und ich war froh, dass Zita sie als Hilfe im Badehaus einzustellen suchte und sie somit unter ihrer Aufsicht hätte.

Missmutig stolperte ich den Pfad zurück in Richtung der hölzernen Brücke, doch kam ich abrupt zum Halt als ich plötzlich laute Stimmen in der Nacht und den Klang von Schwertklingen in der Ferne hörte. Ich schaute mich um, um das Gepolter zu orten. Schritte, Schreie, Klingen krachen. Nicht weit vor mir vor dem Fleischerhause bemerkte ich im Dunkeln ein Gerangel. Ich näherte mich eng an die Hauswand gedrängt um eine bessere Sicht zu erhalten. Mein vampirischer Sehsinn erkannten sofort in der Nacht die bekannte Gestalt meiner Vampirschwester Sayo, deren Blick auf ein Schwert gerichtet war, mit dem jener Seemann, der Pirat – der wie ich hörte inzwischen zu des Ritters Helfer zählte – sie bedrohte. Einen Moment sann ich darüber nach was ich tun sollte, so hörte ich doch die Rufe und verstand die Worte, deren Stimme dem Ritter von Urach gehörte. Die Bedeutung der Worte wiesen mich an, dass ich Sayo retten musste, denn es war mir nun klar, dass der Ritter sie fangen wollte. Bevor er erschien, sprang ich mit erhobenem Schwerte aus dem Schatten hervor um den Pirat zu stellen.

So jedenfalls präsentierte ich mein Erscheinen, und befahl dem Pirat, den ich wissentlich Schurke und Diebesgesindel nannte, von der Dame abzulassen, sonst würde ich ihm den Garaus machen. Mein ganzer Akt war darauf aus, eine gute Darstellung zu bieten, um Sayo schlussendlich zum Fliehen zu verhelfen. Denn der Ritter von Urach nahte schnelle mit dem Knappen an seiner Seite. Ich erhob überrascht mein Schwert auch gegen sie, bis ich von allen dreien umringt, doch zufrieden Sayo fliehen sah. Erst dann als des Ritter Philip‘s befehlerischer Ton wiederholt in mein Ohr drang, senkte ich mein Schwert und hob die Hände. Ich war mir ganz sicher, dass meine Geschichte nach Wahrheit klang: dass ich eine junge Dame von einem vermeintlichen Schurken hätte beschützen wollen, und ihn den heraneilenden Ritter mit seinem Knappen in der Dunkelheit als Mitglieder der Bande des Piraten gedachte, gegen die ich mich wehren musste. Ja, das ich in der allgemeinen Verwirrung der Situation den Ritter erst zu spät erkannte.

Dem Ritter von Urach war ich gleich als den Grafen bekannt, welchen er bislang hat gewusst als unbescholtenen Bürger. Jedoch befahl er mir streng trotz meiner überzeugenden Geschichte, ihn zur Wache zu begleiten, wo ich ihm Rede und Antwort stehen musste. Denn, so erzählte er mir, diese Frau, diese Sayo, die ich hatte schützen wollen, seie eine aus des Bürgermeisters Gefolge, deren Natur er schon einige Zeit äußerst verdächtigt. Trotz dass er mich kannte und meine Geschichte glaubte, so wollte er mich doch bestrafen, dafür dass ich gegen ihn hätte Widerstand geleistet. So versprach er mir mich ehrenvoll zu behandeln und mich der ehrenvollen Gerechtigkeit seines Gerichts vorführen, in dem der Herzog richten sollte. Innerlich grollend ergab ich mich meinem Schicksal und lies ihn mich in seinen Kerker schließen, immer noch sicher meiner unantastbaren Natur als adeliger Bürger der Stadt. Ich war mir gewiss, dass alles zu meinem Besten ausfallen würde. Just in diesem Moment da ich zu den Stufen geführt die hinunter mich brachten, hörte ich Katy’s bekannte Stimme im Hintergrund stottern und dem Ritter berichten was sie im Badehause zu sehen dachte. Da ich genaue Details nicht mehr hören konnte, hoftfe ich noch auf ein Wunder welches mir meine Tarnung erhalten würde.

Ärgerlich musste ich mich von dem Knappen in den Kerker der Wache führen lassen um dort nun schon zum dritten Male die Bekanntschaft mit einer Zelle zu machen. Auf Ungarisch fluchend, mein kleines Laster, suchte ich mich zu besinnen was nun zu tun sei um der Situation ungeschoren zu entkommen. Noch wusste ich nicht wie viel die Magd dem Ritter hat sagen können, und ob jener die Wort‘ ernstgenommen. Allen Hoffnungen zum Trotze, sah ich nur kurze Zeit später von den Treppen her den Ritter nahen, mit der Magd an der Hand um kurz vor meiner Zelle zu halten. Nicht viel wurd gesagt, als nur ob ich sei jener Manne von dem sie sprach, ob ich sei jener Graf. Ein Nicken genügte bevor die kleine Prozession sich zurück nach oben schob und mich meinem Schicksal überließ. Es war mir klar, dass der Groschen nun wohl gefallen mit den Worten der jungen Magd, auf die ich seither einen bösen Groll zu hegen begann.

Bald wurde ich mir eines zweiten Gefangenen gewahr, der neben mir in der Zelle hockte. Ich konnte ihn nicht sehen, doch ein Wort hier und da unter Gefangenen zeigte sehr schnell, dass er einer der unsrigen war. Doch meine ich hier, der unsrigen des dunklen Schlosses, einer der Dämonen über die ich zu diesem Zeitpunkt recht wenig wusste, da sie selten zugegen waren. Tiros war der Name, den er sich gegeben in Menschengestalt, doch unter unsren war er als Sylor bekannt. Ähnlich wie mir, war auch seine Tarnung bisher unangefochten. Doch während ich mich – trotz meines ewig unstillbaren Hungers – in bester ‚Gesundheit‘ befand, so sah es damit etwas anders bei ihm aus. Er schien von dem Kampfe körperlichen Schaden erlitten zu haben.

Als der Ritter zu ihm kam um ihm einen Heilung zu bieten, hörte ich zu meiner großen Verwunderung Tiros um eine Heilerin bitten, die nicht Canidio war, welche hinter dem Ritter in den Kerker mitgekommen, sondern nannte einen Name, der mir recht bekannt. Ich konnte es nicht glauben, als der Ritter seiner Bitte tatsächlich Folge leistete, um die Elbe Seraphina so schnell wie möglich herzubestellen. Ich war etwas außer mir dies beobachten zu müssen, da meine eigenen Wünsche den Ritter nicht zu berühren schienen. Erst später erfuhr ich, daß die Elbe Seraphina dem Dämonen recht vertraut, welche dessen wahre Natur gut kannte. Somit agierte sie als Schild dafür, daß hinter ihrer gespielten Heilerei der Dämon seine Wunden selbst zu heilen vermochte. Ein Umstand der niemals bekannt werden dürfte. In Anbetracht dessen, dass der Dämon seine Tarnung sonst verlor, blieb ich auch verschlossen und erwähnte nichts von dem Gespräch zwischen Seraphina und Tiros, welches ich gezwungenermaßen mithören musste.

Während Seraphina nun spielte des Dämonen Wunden zu heilen, erschien für mich ein wenig später der Ritter von Urach. Was immer ihm oben in seiner Stub zu Ohren gekommen, so schien es schrecklich nahe der Wahrheit, denn der Ritter beglückte mich mit überlegenem Blick mit einem übel riechenden Kreuze, welches er nun einige Fuß entfernt von meiner Zelle auf den Boden stellte. Ich wollte vor Ärger knurren, doch unterdrückte ich den Drang und warf einen Blick schon fast aufsässig auf das Kreuz. Was dachte er nur dieser Ritter? Das der Anblick eines Kreuzes mir schaden würde? Das der Anblick des Kreuzes ob groß oder klein mein Leben beenden würd? Fast wollte ich hämisch loslachen, unterlies dies jedoch bewusst. Sollt er doch denken, dass er mir somit schaden könnt, denn selbst solch ein Gedanke mochte eines Tages meine Rettung sein.

So ignorierte ich das verfluchte Kreuz, dessen Weihung ich nur zu gut riechen konnte mit meinem sensiblen Sinnen. Ich spürte dessen Anwesenheit, unweit meiner Zelle und ärgerte mich sehr. Doch verhielt ich mich so als hätt ich vergessen, dass es sich im Raume befand und studierte den Ritter ebenso wie jener all meine Bewegungen zu beobachten schien. Letztendlich verließ er mit dem Knappen den Kerker und ich atmete auf. Ich saß auf meiner Pritsche und starrte ärgerlich auf das Kreuz, dass Zeichen desjenigen, welcher für mich selbst auch in meinem Menschenleben nie wirklich da und doch spürte ich deutlich, dass eine gewisse Kraft von ihm ausging, eine Kraft die ich wie eine lästig beißende Barriere vor mir am ganzen Körper spürte. Immer noch suchte ich zu lernen wer ich war und was mir mein ewiges Leben verkürzen könnte. Ich spürte die Gegenwart und Kraft des Kreuzes, was mich reizte, dies unangenehmes Gefühl, doch es schadete mir keineswegs. Doch meinte ich den Grund darin zu finden, dass dies Kreuz sich zu weit von mir entfernt seinen Platz erzwang. Als ich jedoch in der nächsten Nacht erwachte, fand ich dort wo zuvor das Kreuz in der Düsterheit protzte, nur noch zerstückelte Einzelteile, was eine gütige Tat meines Zellengenossen, Tiros war, oder so sollte ich in diesem Falles sagen, Sylors, für den solch ein Anblick ebenso schwer erträglich war.

Zu essen brachte der Ritter uns Brot und Wasser, wobei ich nicht wusste, ob er mich wieder zu testen und reizen versuchte, oder ob er der Wahrheit über mich noch unschlüssig war. So kaute ich Stücke des Brots vor den Augen des Knappens, den er mir wohl zur Beobachtung geschickt. Doch fiel sein Blick zur Nachbarszelle vermochte ich schnell mich des zerkauten Stücks in meinem Mund zu entledigen. Den Wasserkelch nahm ich ungesehen und schützend mit mir zur Zellenecke wo ich mir die Hose öffnete um ein menschliches Bedürfnis nachzuahmen. Und anstatt des Austritts der gewöhnlichen Notdurft, lies ich das Wasser meines Kelches an der Wand herunter rieselte. Später jedoch schien es klar zu sein, dass der Ritter sich meiner wahren Natur schon längst sicher war. Doch war es der einzige Spass den ich hier unten in jenem Moment besaß.

Tage schienen zu vergehen, und allein Seraphina schien oft zugegen zu sein, um vertraulich mit dem Dämonen zu sprechen, wobei ich erfuhr, dass sie ihm versprach als Zeuge seiner ‚menschlichen‘ Natur zu fungieren. Für mich allein gab sie weder Blut noch Anerkennung. Ganz im Gegenteil entfachte sich ein Widerstreit über das Recht zu Leben welches sie dem Dämonen anerkannte und mir und Unsereins verwehrte, wobei mir ihre Argumente bis zum heutigen Tage unbedacht, und ich vermutete dass das Recht des Lebens welche sie Sylor gönnte allein die Sprache ihres Herzens war und jene Vertrautheit zwischen ihnen.

Inzwischen, von uns im tiefen Kerker unbekannt war wohl oben auf dem Markte ein Feuer ausgebrochen, dass von Brandstiftern stammte, welche mir und meinem Zellennachbarn gut bekannt. Hier will ich ein kleines Lächeln einfügen, da der Akt uns zwar nicht befreite, doch dem Ritter eine große Strapaze war.

Bald jedoch staunte ich nicht schlecht, als die Falltür an der Decke sich wieder einmal öffnetet und der Ritter mit ‚Gefolge‘ auf einen Besuch nach unten kam. Doch war er nicht alleine sondern zog zu meinem Bedauern und großem Erzürnen die Dame mit sich, welche Tiros und meine Wenigkeit mit allen Mitteln zu erretten gesucht, und für welche wir die Schmach ertrugen hier zu hocken. Ich muss an dieser Stelle sagen, dass es unsere Art erfordert die Ränge unter uns zu achten, und die älteren von uns zu respektieren. Somit wurde ich gezwungen, meinen Ärger über Sayo’s Ankunft hier im Kerker lautlos zu ertragen, da sie die ältere von uns war. So war doch alles nun umsonst, selbst meine Tarnung war verloren über nichts. Lange jedoch konnte ich mich nicht darüber erzürnen, denn Sayo’s Blick zollte alles andere als meine Überheblichkeit und ich wusste, dass etwas geschehen war, auch wenn ihr dies nicht über die Lippen kam. Sie wurde mir in die Zelle gedrängt, um des ‚Menschen‘ Tiros‘ Leben zu erhalten und ich spürte gleich, dass man ihr Schmerzen hat zugefügt und war der Umstand ihrer Gesellschaft, ein Zeichen davon, dass der Ritter sich unserer sicher war.

Noch am selben Tage sah ich die Spur von Sayo’s Schmerz, auch wenn sie gar widerwillig ihre Hand mir reichte, in deren Handfläche ich schnell das bekannte Muster eines Kreuzes eingebrannt in ihre Haut vorzufinden vermochte. Ich war erfasst von wildem Zorn über diese Bestialität gegenüber dem weiblichen Geschlechte, geleitet von den menschlichen Erinnerungen unserer Zeit. Ebenso schien es ihn recht zu spaßen, uns Weihwasser entgegen zu spritzen, denen wir geschickt und fast unmerklich aus dem Wege gingen, da der Ritter sich nicht näher zu kommen traute.

Die Tage vergingen und es war mir klar, dass meine Tarnung endgültig dahin geschwunden war, denn der grausame, unstillbare Hunger zeigte sein Gesicht. Das mir Anfangs dargebotene Brot und Wasser hatte ich nicht zu mir nehmen können und nach all den Tagen ohne Blut war ich voller Gier und Zorn, dass ich hier eingesperrt und meinem Jagddrang nicht Folge leisten konnte. Da kam der Ritter Urach in Begleitung mit einem Eimer Schweinsblut, welchen er uns auffällig nahe an unsere Zelle stellte. Allein die Furcht die er zu haben schien den Eimer hinein in unsere Zelle zu schieben, zauberte ein finsteres Grinsen auf mein Antlitz. Ich weiß nicht war es Verachtung oder stille, sinnlose Hoffnung die mich und Sayo drangen, dass Schweinsblut nicht anzurühren. Ich gebe zu es war nicht leicht der verlockenden Farbe und dem Duft zu widerstehen. Doch folgte ich beherzt ihrem Beispiel dieses Blut zu verweigern. Ich wusste jedoch, dass die Begierde dadurch sich nur steigern würde.

Der Ritter lachte hämisch über diesen Akt, dass ich ihm am liebsten hätte seine Kehle zerrissen. Er spielte mit unserem Hunger und unserer Gier, und brachte einen anderen Tages zwei lebendige Hasen in den Kerker, welche er wie schon zuvor nicht wagte in unsere Zelle zu stecken. So mussten wir mit lechzendem Blick darauf warten, dass die Tiere sich zu uns verirrten. Wobei ich bemerkte, dass es möglich war auf eine ähnliche Weise, wie ich dies getan mit der Magierin, die Tiere im Geiste herzulocken. Vor des Ritters prüfenden Augen, packte ich den Hasen und hielt ihn an meinen Mund, meinen Blick auf ihn und auch auf Canidio gerichtet, die ihn zu dieser Stund begleitet hat. Da sie in mir die Bestie suchten, ich sah es in ihrem Blicke, erfüllte ich ihnen diesen Wunsch und öffnete fauchend meinen Mund, um meine langen, blitzenden Eckzähne zu entblößen, bevor ich sie tief in den kleinen Körper des Hasen stieß und lauter als ich hätte müssen zu schmatzen und saufen begann. Meiner Gier und Wildheit ließ ich freien Lauf, jedoch ließ ich schnell wieder ab von dem Tier, es hatte recht wenig Blut und es war mir verwehrt alles zu nehmen. Benommen versuchte sich der Hase über den Kerkerboden zu robben, als ich ihn niedersetzte.

Das Blut ran mir aus dem Mund, weil ich bewusst nicht alles schluckte. Mein brennender Blick war auf die Gestalten dort im Kerker gerichtet, die wie erstarrt mich beglotzten. Was wussten sie schon von meinem Hunger? Dachten sie wahrhaftig dass der kleine Hase auch nur ein wenig der Begierde nach Blut mir erfüllen könnt? Nicht mehr als mich einen weiteren Tag vor der immer noch beängstigende Starre zu schützen. In den frühen Morgenstunden besiegelte ich das Schicksal zweier Ratten die sich unbewusst ihres traurigen Loses in unsere Zelle verirrten. Jedoch tat dies wenig, die aufkommende, körperliche Schwäche des unerfüllten Hungers zu verringern. Schon über eine Woche saßen wir hier und über uns, draußen bewegte sich das tägliche Leben vorbei an uns. Ich fühlte die Schwäche meinen Körper ergreifen, wie einst vor nicht allzu langer Zeit im Elbenlande.

Und diese Schwäche war es die der Ritter nutzte. Ich fauchte und knurrte, als er mir die Hände zusammenband bevor er mich aus dem Kerker lotse, seine Augen erleuchteten, ein Grinsen auf dem Gesicht. Ich schwor schon damals, dass ich ihm diese Grinsen eines Tages aus dem Gesichte fressen würde. Die Reise war kurz, denn sie endete schon auf der nächsten Etage. Ich musste meinen Blick nicht erst auf die Streckbank legen, um die Gedanken des Ritters zu lesen. Mein Blick war finster auf Canidio gerichtet, die ich hieran, dass sie ein Teil war von dem was nun folgte, als Feindin sah.
Wie soll man die Schmerzen beschreiben, die einer erfährt auf der Folterbank? Nie hätte ich gedacht, dass mein neues Leben, welches von der Ewigkeit zehrt, solch alten Schmerz in meinem Körper erwecken könnte. Mein feines Seidenhemd wurde mir vom Leib gerissen, mein empfindliches Gehör die gottesfürchtigen Worte des Ritters ertragen, geschürt von seinem Hass über jene Höllenausgeburten die wir wohl waren. Ich roch schon lange bevor er ein Kreuz in seiner Hand über mein Gesicht erhob, den widerlich, brennenden Gestank von Weihwasser.

Plötzlich wurde ich mir der Bedeutung seiner Worte gewahr. Er fragte mich aus, über meinen Schöpfer, über Sergio’s Pläne, wo er hauste und wie viele es von uns gab und mehr Fragen von ähnlicher Art. Ihn mit Verachtung strafend, sprach ich kein Sterbenswort worauf er mir das Kreuz in seiner Hand grausam ins Gesicht zu drücken begann. Ich schrie laut auf über den erschreckenden Schmerz, mit der sich das Kreuz in meine Wange brannte. Ich roch mein verbranntes Fleisch und sah den leisen Rauch aus meinem Gesichte steigen. Fürchterlich war der Schmerz, noch grausamer als für einen Menschen, das mit Weihwasser benetzte Kreuz wollte sich in meinen Körper fressen. Doch dann hielt er inne, um seine Fragen zu wiederholen. Doch schrie ich vor Schmerz und vor Zorn, dass ich nichts zu sagen hätte, nichts wüsste was ich mitteilen sollte, und ein entflammender Schmerz bohrte sich in meine Brust, als sein geweihtes Werkzeug sich nun dort einen Platz zu schaffen versuchte. Ich biß meine Zähne zusammen, fletschte sie und fauchte, um den fürchterlichen Schmerz zu ertragen, doch der Ritter war erfasst von einem inneren Hass und fuhr fort in der Folter meinen Oberkörper mit schmorenden Mustern seines Glaubens zu versehen.

Als ich schon fast dachte, die Besinnung zu verlieren, was mir meines Wesens wegen verwehrt, ließ er ab von mir. Vom Schmerz und der hungernden Schwäche erfüllt hörte ich seine Botschaft, die, so verlangte er von mir, ich dem Sire übermitteln musste. So hatte jener nur fünfe der Tage Zeit, um sich dem Ritter von Urach zu stellen, und sich der Gerichtbarkeit zu unterziehen, die Urach für so ehrbar und unfehlbar hielt. Ebenso sollt ich dem Sire sagen, dass jeder von uns sich davor hüte, die Bürger in der Stadt zu bedrängen, zu beängstigen oder Hand an sie zu legen, denn jenes, so erklärte er mit leuchtenden Augen, würde meiner Schwester Sayo ein noch schlimmeres Schicksal bestimmen, als welches ich selbst erfuhr.

Dann roch ich die klare Luft der Nacht, das Licht des Mondes schmeichelte meinen Wunden als ich mich eilend zum dunklen Schlosse zurück schleppte, mit bitterem Gemüt, dass ich hatte Sayo zurücklassen müssen, um nun so schnell wie möglich meinem Vater zu berichten.

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